08.10.26

Heizung an, Nase läuft: Erkältung oder Allergie im Herbst?

Die Fenster bleiben zu, die Heizung läuft – und die Nase läuft gleich mit. Viele halten das für die erste Erkältung des Jahres. Doch gerade, wer sonst auch unter Heuschnupfen leidet, sollte jetzt genauer hinschauen. Denn der Herbst ist keineswegs ein ruhiger Ausklang nach der Pollensaison. Er bringt gleich mehrere Beschwerdequellen mit, die sich hinter einer vermeintlich harmlosen Schnupfennase verstecken können – und die sich gegenseitig sogar überschneiden:

  • Ragweed, auch beifußblättriges Traubenkraut genannt, blüht bis zum ersten Frost, in warmen Jahren bis in den November. Die Pollen sind extrem aggressiv und fliegen hunderte Kilometer weit.
  • Beifußist ein Klassiker des Spätsommers und Frühherbstes. Er schlägt oft genau dann zu, wenn die Gräserblüte abklingt. Verwechslungen mit Ragweed sind häufig, weil beide ähnlich blühen und oft gemeinsam auftreten.
  • Einjähriger Beifuß ist ein naher Verwandter, der regional zunehmend auftritt und das Beschwerdefenster zusätzlich verlängern kann.
  • Spätblühende Gräser können sich je nach Witterung bis in den Herbst ziehen und die Saison ebenfalls strecken.
  • Hausstaubmilben sind zwar keine Pollenauslöser, aber der häufigste Grund für herbstliche Dauersymptome. Sobald die Heizung läuft, startet ihre Hochsaison.

Wichtig ist: Oft geht es gar nicht um ein „Entweder-oder“. Wer auf Beifuß reagiert, hat häufig aufgrund von Kreuzreaktionen auch Probleme mit Ragweed und umgekehrt. Ziehen sich die Beschwerden bis in die kalte Jahreszeit, können mehrere Auslöser zusammenspielen: draußen die letzten Pollen, drinnen die Milbe. Wo die Symptome auftreten, liefert daher den entscheidenden Hinweis darauf, welche Beschwerdequelle aktuell für die laufende Nase verantwortlich ist.

Erkältung, Schnupfen oder Allergie? So erkennt man den Unterschied

Die Beschwerden ähneln sich auf den ersten Blick stark: eine laufende oder verstopfte Nase, Niesreiz, verengte Atemwege. Doch es gibt klare Anzeichen, anhand derer man eine Allergie von einer Erkältung oder einem einfachen Schnupfen unterscheiden kann.

Der wichtigste Unterschied ist der Juckreiz. Bei einer Allergie jucken Nase, Augen und Gaumen deutlich, bei einer Erkältung oder einem Schnupfen dagegen so gut wie nie. Auch das Nasensekret verrät viel: Bei einer Allergie bleibt es über Wochen klar und wässrig und fließt dauerhaft, während es bei einem Infekt anfangs ebenfalls wässrig ist, aber rasch gelblich und dickflüssig wird.

Fieber, Gliederschmerzen, Halskratzen und Abgeschlagenheit gehören zu keiner Allergie. Sie sind das Markenzeichen einer Erkältung oder eines Infekts. Die Allergie beginnt dagegen plötzlich und hält an, solange die Beschwerdequelle da ist. Das kann Wochen bis Monate lang sein. Eine Erkältung entwickelt sich über Stunden bis Tage und ist nach spätestens zehn Tagen vorbei.

„Wer nach zwei Wochen noch dieselbe laufende Nase hat, sollte umdenken“, rät der Allergieexperte und HNO-Arzt sowie Vorstand des Österreichischen Polleninformationsdienstes Dr. Markus Berger. Denn genau dann endet die Erkältungszeit, und es bleibt der Verdacht auf eine Allergie.

Entscheidend ist außerdem der Ort der Beschwerden. Laufen Nase und Augen vor allem im Freien oder bei geöffnetem Fenster, spricht das für spät blühende Pollen wie Ragweed oder Beifuß. Laufen sie dagegen vor allem in der Wohnung, besonders im Schlafzimmer und morgens nach dem Aufwachen, ist die Hausstaubmilbe die wahrscheinliche Beschwerdequelle.

Die Regel lässt sich so zusammenfassen: Juckreiz und klares Sekret ohne Fieber deuten fast immer auf eine Allergie hin. Fieber, Halskratzen und gelblich-dickes Sekret sprechen für einen Infekt. Klarheit bringt am Ende ein Test beim Allergologen.

Warum die Heizungsluft das Problem verschärft

Viele Pollenallergiker wundern sich, dass ihre Beschwerden im Oktober zurückkommen. „Meist ist das aber kein Nachzügler der Pollensaison, sondern ein Wechsel der Beschwerdequelle – und der findet nicht mehr im Park statt, sondern im Schlafzimmer“, erklärt Berger. Je nach Region reagieren zehn bis 14 Prozent der Bevölkerung empfindlich auf Hausstaubmilben.

Die winzigen Spinnentiere sind mit bloßem Auge nicht zu sehen. Sie lieben es feucht und vermehren sich deshalb im Sommer stark. Wird die Luft durch das Heizen trocken, sterben sie in großer Zahl. Das Problem: Die Allergene stecken in ihren zerfallenden Körpern und in ihrem Kot, der sich über Monate in Matratze und Bettzeug angesammelt hat. Klingt unangenehm, ist aber bei jedem so.

In der trockenen Heizungsluft wird daraus feiner Staub. Der wird schon beim Aufschütteln der Bettdecke aufgewirbelt und schwebt lange in der Luft. Weniger Milben bedeutet also nicht weniger Beschwerden, im Gegenteil. Dazu kommt: Man ist in der kalten Jahreszeit viel drinnen und lüftet seltener. „Der Herbst ist für Milbenallergiker deshalb weniger ein Milbenproblem als ein Innenraumluft-Problem“, sagt Berger.

Genau hier überschneiden sich die Beschwerdequellen. Die Milbenallergene in der Wohnung wirken das ganze Jahr über, aber erst mit der Heizperiode werden sie überhaupt erst richtig aufgewirbelt. Gleichzeitig trägt man die Pollen von draußen an Haaren und Straßenkleidung mit ins Schlafzimmer, sodass im Oktober oft beides zusammenkommt: die letzten Ragweed- und Beifußpollen auf dem Kopfkissen und die Milbenallergene in der Matratze.

So schützt man sich – im Schlafzimmer und draußen

Wenn das Schlafzimmer der Ort der Beschwerden ist, hilft Bergers wichtigster Tipp: sogenannte Encasings, also milbendichte Überzüge für Matratze, Kissen und Decke. Bei einer nachgewiesenen Milbenallergie übernehmen die gesetzlichen Kassen die Kosten in der Regel auf Rezept. Außerdem sollte man die Bettwäsche alle ein bis zwei Wochen bei 60 Grad waschen, denn bei 40 Grad überleben die Milben. Das Schlafzimmer sollte kühl sein, um die 18 Grad, und morgens sollte stoßgelüftet werden statt dauerhaft gekippt.

„Ein Matratzentausch ohne Encasing ist hingegen rausgeworfenes Geld, denn die neue Matratze ist nach wenigen Monaten wieder besiedelt“, warnt Berger. Auch der alte Tipp, Bettzeug oder Kuscheltiere einzufrieren, ist ein Mythos. Die Kälte tötet zwar die Milben, die Allergene bleiben aber erhalten. „Für die Atemwege macht es keinen Unterschied, ob das Allergen von einer lebenden oder einer toten Milbe stammt.“

Doch auch draußen gibt es im Herbst keine Entwarnung – gerade im Osten Österreichs. Diese Region gilt als Schwerpunkt für Ragweed, dass bis zum ersten Frost blüht und dessen Pollen hunderte Kilometer weit fliegen. Zusammen mit Beifuß, dem einjährigen Beifuß und spät blühenden Gräsern sorgt der Osten Österreichs damit für ein langes Beschwerdefenster, das viele Allergiker unterschätzen. In warmen Herbstwochen rät Berger deshalb: die Pollenflugvorhersage weiter verfolgen, abends die Haarewaschen und StraßenkleidungnichtmitinsSchlafzimmer nehmen – sie transportiert die Pollen sonst direkt ins Bett. Gegen Milben und Pollen gilt am Ende dieselbe einfache Regel: Je weniger Allergene es ins Schlafzimmer schaffen, desto ruhiger wird die Nacht.

Unsicher, ob die Symptome wirklich allergisch sind?

Wenn man nicht sicher ist, ob hinter der laufenden Nase eine Allergie, eine Erkältung oder doch etwas anderes steckt, kann man selbst aktiv werden. Der Allergierisikofragebogen gibt eine erste Einschätzung, wie wahrscheinlich eine Allergie ist. Noch genauer wird es mit dem Pollentagebuch: Dort trägt man seine Beschwerden über mehrere Wochen ein und prüft, ob sie mit dem aktuellen Pollenflug zusammenfallen. Genau dieser zeitliche Zusammenhang ist ein starkes Indiz dafür, dass die Nase auf Pollen reagiert – und nicht auf einen Infekt.

Solche Werkzeuge ersetzen zwar keinen Arztbesuch, aber sie liefern wertvolle Hinweise, mit denen man bestens vorbereitet zum Allergologen gehen kann. Und gerade bei anhaltenden oder unklaren Beschwerden ist dieser Besuch der nächste sinnvolle Schritt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine laufende Nase im Herbst ist oft keine Erkältung, sondern eine Allergie – auf spät blühende Pollen (Ragweed, Beifuß, einjähriger Beifuß, spätblühende Gräser) oder auf die Hausstaubmilbe, oft sogar auf beides zugleich.
  • Juckreiz, klares Sekret und kein Fieber sprechen für eine Allergie; Fieber, Halskratzen und dickflüssiger werdendes Sekret für einen Infekt.
  • Treten die Symptome draußen auf, an Pollen denken; treten sie drinnen und morgens auf, an die Milbe denken.
  • Im Schlafzimmer helfen Encasings, 60-Grad-Wäsche, kühle Räume und Stoßlüften.
  • Der Osten Österreichs ist ein Ragweed-Schwerpunkt – an der Pollenflugvorhersage dranbleiben.
  • Unsicher? Füllen sie den Allergierisikofragebogen aus und starten sie mit der Führung des Pollentagebuchs. 

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